Salutogenese
Das Leben gleicht einem Fluss.
Am Ufer stehend lernt man nicht darin schwimmen
Aaron Antonovsky
Das lateinische Wort Salutogenese ( lat. salus =Heil) klingt kompliziert, bezieht sich aber auf allgemein-verständliche leibseelische Zusammenhänge.
Der Begriff meint einen speziellen Bereich aktiver Gesundheitsbildung zum Unterschied von Therapie als Instrument zur Beseitigung gesundheitlicher Störungen.
Im Brennpunkt der Aufmerksamkeit sowohl der modernen Schulmedizin wie der Psychotherapie steht prinzipiell die Behebung von Krankheitserscheinungen.
Mit dem Konzept der Salutogenese rückt ein neues Paradigma in den Mittelpunkt des Interesses der Gesundheitswissenschaften. Im Gegensatz zum alten krankheitsorientierten Verständnis hat dieses die Chancen aktiver Erzeugung und Erhaltung von Gesundheit zum Gegenstand. Während bislang als selbstverständlich galt, dass Gesundheit durch Bekämpfung von Krankheit entsteht - indem das "Gute" durch Austreibung des "Bösen" bewirkt wird- kann diese Vorstellung aus salutogenetischer Sicht jetzt erweitert werden. Auch wenn Therapie und Salutogenese in der Praxis miteinander verschränkt sind, hat Salutogenese mit einer Betonung der Eigenverantwortung vor allem ausserhalb von Therapie eine besondere psychoprophylaktische Bedeutung. Im Zusammenhang mit dem kontinuierlichen Anstieg von Burnout-Zuständen in helfenden und sozialen Berufen spielen für diese Berufsgruppen salutogenetische Vorsorgeprogramme zunehmend eine wichtige Rolle sowohl als Selbstfürsorge als auch als Fortbildung.
Konzept der Salutogenese
Das alternative Konzept zur Gesundheitsentstehung, das er selbst Salutogenese nannte, veröffentlichte der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky im Jahr 1996 als Ergebnis eigener langjähriger Untersuchungen. A. ging von der Beobachtung aus, dass auch nach schweren Belastungsbedingungen eine Reihe von Menschen entgegen der Erwartung offensichtlich nicht erkranken. Da dies sogar bei der Mehrheit der Fall sein dürfte, wunderte er sich darüber, dass diesem Umstand bisher so wenig Interesse gewidmet worden war.
A. interviewte größere Personengruppen, die den Aufenthalt in Konzentrationslagern überlebt hatten, und erhob mit Hilfe eines speziellen Fragebogens deren Gesundheitsanamnesen. Bestimmte Menschen hatten offensichtlich ihre Traumata besser verarbeitet als andere. A. gab selbst keine Definition von Krankheit oder Gesundheit.
Seine Untersuchungen fasste er zu einem Komplex zusammen, der verschiedene Schutzfaktoren des Gesundheitsbewusstseins umfasst. Dieser wurde von anderen Forschern übernommen und erhielt die Bezeichnung
Kohärenzerleben, Kohärenzgefühl oder Kohärenzsinn
Bei diesem Kohärenzsinn (KE) handelt es sich nicht ausschließlich um ein Gefühl sondern um eine u.a. auf Gefühlen beruhende Haltung zu sich selbst und zum Leben.
Ein (starkes) Kohärenzgefühl beinhaltet ein gleichzeitig dynamisches und vertrauensvolles Grundgefühl, dass im Lebenslauf auftauchende Probleme verstehbar und zu bewältigen sein, sowie eine das Engagement lohnende Herausforderung darstellen werden.
Das Kohärenzgefühl ist ein hauptsächlich psychologisch zu verstehender Komplex, der Aussagen darüber erlaubt, wie gut ein Mensch potentiellen Stressfaktoren standhalten wird, ohne dadurch schwerwiegende dauerhafte Einbrüche seines Lebensgrundgefühls zu erleiden. Es setzt sich zusammen aus drei untereinander vernetzten Komponenten. Zusammen genommen sind diese Komponenten als generalisierte Widerstandsressourcen aufzufassen, auf die ein Mensch in kritischen Situationen zurückgreifen kann, sofern er dieselben aufzurufen vermag. Nur im Falle eines starken KE kann vorhandenes Widerstandspotential demnach genutzt werden und auch unter belastenden Bedingungen eine erforderliche, das Wohlbefinden nicht dauerhaft beschädigende Regulierung von Gefühlen stattfinden.
Nachfolgend werden die einzelnen Komponenten erläutert, die sämtlich auf dem Hintergrund einer biografischen Langzeitperspektive zu verstehen sind:
Verstehbarkeit (V) - kognitive Komponente
Handhabbarkeit (H) - Verhaltenskomponente
Sinnhaftigkeit - Bedeutsamkeit (S) - emotionale Komponente
Verstehbarkeit (V)
V. bezieht sich auf ein für die Verarbeitung neuer Erfahrungen wichtiges Bedürfnis, diese kognitiv und emotional mit früher gemachten in Beziehung zu setzen. Durch solches einordnendes Verstehens entsteht eine gewisse Distanz hierzu. Der Mensch kann seine neue Erfahrung nun definieren, wird nicht mehr von ihr beherrscht und gewinnt damit eine Kontrollmöglichkeit.
Handhabbarkeit (H)
H. bezeichnet einen Faktor, der aus dem Wissen und Vorhandensein um eigene Kompetenzen als mobilisierbaren Unterstützungsquellen besteht. Auf dieses Instrumentarium kann der/die Betreffende zurückgreifen, um auf ihn/sie zukommende Belastungssituationen zu bewältigen. Dazu gehören neben Befähigungen, Fertigkeiten, Copingstrategien auch positive Erfahrungen mit früherer eigener Problembemeisterung. Anerkennung eigener Grenzen und Fähigkeit zu konstruktiver Selbstkritik sind als zugehörige Bestandteile zu verstehen.
H. beruht wesentlich auf Selbstwertgefühl und Identität. Auch das Element H. steht in Beziehung zur gesamten Biografie.
Sinnhaftigkeit - Bedeutsamkeit (S)
Dem Faktor S. schrieb Antonovsky höchste Bedeutung zu. Es handelt sich um den vielschichtigen Begriff für eine allgemeine Motivationskraft. Diese wurzelt in individueller Sinngebung durch existentiell bedeutsame Werte. Nur mit solcher Motivation im Rücken lassen sich Anstrengungen als lohnende Mühe empfinden, die evtl. erforderlich sein wird, um ein anstehendes Problem zu bewältigen. Nur sie ermöglicht die Wahrnehmung eines lebenswerten Lebens auch unter unbeeinflussbarer Belastung (z.B. Alterserscheinungen, schwere Krankheit, Behinderung, Schicksalsschläge).
S. umfasst die jeweilige persönliche Bedeutungsgebung, die auf eigener Entscheidungsfindung und Mitgestaltung beruht. Für die Dimension der Bedeutsamkeit spielen daher Selbstgestaltungspotential und Kreativität eine wesentliche Rolle.
Umgang mit Stress
Frühere Stressforschung sprach von einem "allgemeinen Adaptationssyndrom". Sie unterschied positiven Eustress von negativem Dysstress. Ein negativer Einfluss langanhaltender Dysstress-Einwirkungen auf die Immunitätslage ist seit langem bekannt. Erst in den letzten Jahren wurde ein eminent entwicklungsfördernder Einfluss von konstruktiv verarbeitetem Stress erkannt.
Die Gefahr eines drohenden Zusammenbruchs des Kohärenzgefühls entsteht erst dann, wenn durch wahrgenommene Ausweglosigkeit einer stresserzeugenden Situation keine selbstbestimmte Einflussnahme mehr vorstellbar ist. Kreativität ist aus diesem Grund von zentraler Bedeutung auch für den Umgang mit Stress.
Während unbeeinflussbarer Dauerstress immer eine spezifische Gefährdung darstellt, können sich stresserzeugende Umstände auch als besonders wirksame Stimulatoren der allgemeinen Widerstandskraft erweisen. Mehrere Untersucher haben wiederholt auf ein gesundheitsförderliches Potential akuter Belastungen durch Stärkung von Selbstheilungskräften hingewiesen.
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Literatur
Aaron Antonovsky
Salutogenese - Zur Entmystifizierung der Gesundheit
dgvt-Forum 36 - 1997
Jörg Fengler
Helfen macht müde - Zur Analyse und Bewältigung von Burnrout und beruflicher Deformation
pfeiffer b. Klett-Cotta-leben lernen 77- 2001
Brigitte Halewitsch
Salutogenese durch ganzheitliche Selbsterfahrung Teil I u. II
COMED 1/06 - 2/06
Rüdiger Lorenz
Salutogenese - Grundwissen für Psychologen, Mediziner, Gesundheits-und Pflegewissenschaftler
Reinhard Verlag 2005
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